„The spirit of the time in restorative dentistry“

Giuseppe Allais 31.05. bis 02.06.2018, Turin

Bericht von Dr. Hans Christian Lux

turin-01Nachdem im letzten Jahr aufgrund der großen Nachfrage nicht alle Interessierten den Praxiskurs bei Giuseppe „Beppe“ Allais nach Turin fahren konnten, waren dieses Jahr wieder 12 Kollegen nach Turin gereist um das Praxiskonzept der Praxis Allais kennen zu lernen. Nach individueller Anreise am Mittwochabend trafen wir uns pünktlich um 9.00 Uhr in „Odontoiatria Allais“ und wurden herzliche Beppe und seiner Frau Sabrina in Empfang genommen. Gleich zu Beginn gab Beppe Allais einen kleinen Praxisrundgang. Direkt anschließend starteten wir in drei intensive Fortbildungstage zum Konzept der Praxis Allais.

 

Reflexion auf die eigene Arbeit

turin-06Eingangs gab der Referent einen Einblick in die Grundüberlegungen zu seinen Behandlungsstrategien. Diese basieren sowohl auf der Säule der „externen Evidenz im Sinne der evidence based medizin“ als auch auf der „internen Evidence“. Als interne Evidenz betrachtet Dr. Allais die Reflexion auf das eigene Behandeln und die eigenen Ergebnisse und forderte auf leidenschaftliche Weise ein, dass ein jeder Behandler sich selber ständig hinterfragen sollte. Durch Fehlerstatistiken können objektive Rückschlüsse auf die eigene Arbeit gezogen werden und sowohl Erfolge als auch Verbesserungspotential erkannt werden.

Mimalinvasiv vs. biologisches Denken

Die Grundüberlegung hierzu ist, dass das unrestaurierte Gebiss ist das widerstandfähigste Kausystem ist, das es gibt. Keine Art der dentalen Rehabilitation ist der Zahnhartsubstanz ebenbürtig. Deshalb sollte immer so viel wie möglich erhalten. Gleichzeitig betrachtet Beppe den Begriff „minimalinvasiv“ als ausgelutscht, da er ständig Verwendung bei Veröffentlichungen Verwendung findet und dabei meist nur meint, dass ein Eingriff noch zerstörender hätte durchgeführt werden können.

turin-03Als eine alarmierende Statistik sieht Beppe Allais, dass 70-80% der heutzutage durchgeführten Restaurationen als „Re-Dentistry“ betrachtet werden müssen. Das heißt, dass sie in Zusammenhang mit einer bereits bestehenden Versorgungen hergestellt werden. Gleichzeitig entstehen schon aufgrund der Versorgungsart ausgeprägter Verlust von Zahnhartsubstanz. Bei einer Krone sind dies 60-70%. Auch bei einem Veneer werden durchschnittlich 40% des Zahnschmelzes wegpräpariert. Daher muss die Frage gestellt werden, wie zerstörerisch die eigentliche Therapie selber ist und wie dies verringert werden kann. Eine weitere Grundüberlegung vor der Wiederherstellung eines Zahnes sollte sie Analyse beinhalten, was denn von der ursprünglichen Zahnform noch vorhanden ist. Durch Erosion, Abrasion und Attrition verlorene Zahnhartsubstanz sollte bei einer Rekonstruktion mit eingerechnet werden.

Nach dem Praxiskontzept von Beppe spielt somit die Diagnostik und Planung eine besonders große Rolle. Diese sollte zum Ziel haben das Gesunde und Erhaltenswerte zu erkennen und individuellen die Probleme der Patienten ergründen, die zu einer Behandlungsnotwendigkeit geführt haben.

Ziel der anschließenden Vorbehandlung ist es die Funktion des Kausystems wieder in ein Gleichgewicht zu bringen bzw. die destruktiven Faktoren der Lebensgewohnheiten soweit wie möglich zu eliminieren. Die Kernfaktoren sind natürlich die Mundhygiene, die Qualität der Restaurationen, aber die Ernährung, Nikotinkonsum, Stress und nicht zuletzt die Motivation zur Mitarbeit. Gegebenenfalls kann als Lösung auch angestrebt werden, dass Restaurationen flexibel gestaltet werden, ggf. reparierbar oder erweiterbar sind.

turin-04Schon bei diesen Ausführungen zum seinem Praxiskonzept und seiner Herangehensweise weiß Beppe mit seinen perfekten Fallpräsentationen zu überzeugen. Die Qualität der Bilder, die langen Dokumentationszeiträume, die Präzision der immer wiederkehrenden Einstellungen der Fotos sind beeindruckend und untermauern das Konzept Allais. Mit beeindruckender Kontinuität und noch größerer Perfektion zeigt er, wie er seine Patienten betreut und über viele Jahre begleitet. Sein Team und er als Behandler kennen seine Patienten wirklich gut. Es herrscht ein sehr persönliches Umfeld, das alle Lebensgewohnheiten, familiäre Umstände, Brüche im Lebenslauf sowie das Alter der Patienten im Wandel der Zeit finden Berücksichtigung. Die Behandlungsstrategie lautet somit immer: erst Risiken senken, dann Restaurationen herstellen, wobei hierbei häufig eine therapeutische Versorgung benötigt wird. Und erst nach dieser mitunter längeren provisorischen Phase die eigentliche Versorgung hergestellt werden kann.

Fallplanungen

Anschließend präsentierte Beppe anhand von Fallbeispielen welche Überlegungen er zur Lösung eines Falles anstellt. Essentiell hierbei die Planungsphase in der die Patientenwünsche herausgearbeitet und mit dem Status Quo abgeglichen werden.

Diese beinhaltet in den Fällen in der ästhetischen Zone ein direktes Mock-Up im Patientenmund, welches Beppe dann bei der ersten Patientin durchführte. Diese „Multisensorial Visualisation“ ermöglicht es dem Patienten mitzureden. Es führt sozusagen zu einem Informationsübertrag auf den Patienten. In der Folge ändert sich nach Beppes Erfahrung die Beziehung zwischen Patient und Zahnarzt und beide lernen besser einander zu verstehen und gehen gewissermaßen auseinander zu.

turin-02Mittlerweile ist es das oberste Therapieziel von Beppe Allais absolut keine gesunde Zahnhartsubstanz entfernen zu müssen, auch nicht zur Umformung einer Frontzahnsituation. Für die Behandlung bedeutet dieser Anspruch des maximalen Substanzerhaltes, dass die etablierten (aber teilweise auch alten) Techniken hinterfragt werden. Dies trifft bei der Kariesentfernung zu, aber auch für Zugänge etwa bei Wurzelkaries anpassen müssen, ebenso die Verfahren zur Trockenlegung und Formgestaltung von Zähnen. Des Weiteren wirft Beppe die Frage auf, ob immer alle Bestandteile einer alten Füllung entfernt werden müssen. Auch bei der Herstellung von indirekten Restaurationen dürfen nicht Mindestmaterialstärken den Zahnhartsubstanzabtrag diktieren. Sollte dies Probleme bereiten, müssen sich die Techniken anpassen. Beispiele hierfür sind additional Veneers in extrem dünnen Schichtstärken und natürlich auch die direkten Verfahren mit Komposite zur Wiederherstellung zerstörter Zähne. – Wer Guiseppe Allais schon mal in einem Vortrag erleben konnte weiß in welcher Perfektion er die Modellation, Farbgestaltung und Ausarbeitung von Kompositerestaurationen beherrscht.

Ebenso rückt die Integration der Kieferorthopädie in restaurative Abläufe wieder stärker in den Fokus. Hierzu wurde dann an Tag drei ein Vortragsblock mit Delphino Allais in die Fortbildung integriert.

Der erste Tag stand somit im Zeichen der Planung, der Patientenführung aber vor allem auch der Reflexion auf die Arbeit des Zahnarztes und Therapiestrategien.

Schon tagsüber stand uns als Teilnehmern immer ein reichhaltig gedeckter Tisch mit besten italienischen Spezialitäten und Häppchen zur Verfügung und auch abends bewiesen Beppe und seine Frau Sabrina einen hervorragenden Geschmack. So dass wir den Tag in lockerer Runde, gutem Essen und Weinen ausklingen ließen.

Der zweite Tag stand unter der Motto Funktion vs. Physiologie

turin-08Nach der morgendlichen Be­grüßung und einem wunderbar starken Kaffee startete Beppe mit seinen Ausführungen zu Rehabilitationen, die zum Bereich der funktionellen Rehabilitation gehören. Wobei er zunächst einmal die Frage aufwarf, was denn „Funktionstherapie“ überhaupt bedeutet. Denn der Mensch verfügt grundsätzlich über eine hohe Neuroplastizität und kann sich im Laufe der Zeit physiologische anpassen. Das Gebiss verändert sich ein Leben lang und dadurch kann der Mensch dies kompensieren. Im natürlichen Gebiss geschieht dies in zwei Transformationen vom Zahnlosen Kleinstkind-Kiefer zum Milchgebiss, vom Milchgebiss zum Erwachsenengebiss. Auch danach geschehen weiterhin Veränderungen durch Abrasions / Attritionsvorgänge die kompensiert werden können. Wenn wir in dieses System therapeutisch eingreifen entstehen Veränderungen ohne eine Adaptationszeit. Je nach Größe der Veränderung sollte mitunter entsprechende Adaptationszeiten in der Therapie berücksichtigt werden.

Grundlage der Therapie ist auch hier Beppes umfassende Diagnostik mit einem eigenen Formblatt zur Funktionsanalyse. Darüber hinaus erstellt er für alle seine Patientenfälle eine Risikoeinteilung für die Bereiche Kariesrisiko, parodontales Risiko, funktionellen Risiko und iatrogenge Vorschädigungen , die er am Vortag schon vorgestellt hatte. In der funktionellen Vorbehandlung berücksichtigt er alle Facetten: über Art und Typus der bestehenden Parafunktion, physiotherapeutische Maßnahmen inklusive Eigenmassagen und Selbstbeobachtung. Auch das Tragen einer Schiene kann einen Adaptationszeitraum in Anspruch nehmen. So werden die Patienten der Praxis Allais bei Bedarf über einen Zeitraum daran gewöhnt mit einer Schiene zu schlafen. Durch zunehmend längeres Tragen am Tage insbesondere vor dem zu Bett gehen kommt es zu einer Adaptation und in der Folge zu einer besseren Akzeptanz der Schiene.

Auch die Behandlungsdemonstration des zweiten Tages zeigte, wie sorgfältig Allais seine Fälle vorbereitet und wie tiefgründig er die Situation seiner Patienten analysiert bevor er therapeutische interveniert. Mit größter Sorgfalt in Sachen Kommunikation und mit großer Liebe zum Detail wurde eine Schiene eingegliedert und die Patientin instruiert.

Auch der zweite Abend war ein wahres Fest der piemontesischen Essenskultur. Beppe und seine Frau Sabrina hatten ein weiteres sehr gutes Lokal ausgesucht und begleiteten uns am Abend. Dabei konnten Sie viele interessante Details zum Essen und der Region erzählen.

Der dritte Tag – komplexe Fälle und Integration der Kieferorthopädie

Der dritte Tag stand im Zeichen der interdisziplinären Fallplanung und Realisierung. Als weiteren Referenten hatte Beppe seinen Bruder Delphino Allais eingeladen, der aus Sicht eines Kieferorthopäden interdisziplinären Fälle präsentierte. Interessanterweise ist er ein großer Verfechter der funktionellen Kieferorthopädie und konnte mit beeindruckendem Bildmaterial zeigen, dass insbesondere nach der Philosophie des maximalen Erhaltes natürlicher Substanz die KFO ein fester Bestandteil der restaurativen Therapie ist.

Auch der an diesem Tag präsentierte Behandlungsfall war ein sehr komplexer Patientenfall, den die beiden Brüder Allais seit über 25 Jahren betreuen und über diesen beeindruckend langen Zeitraum den Verlauf der Therapie zeigen konnten.

turin-07Die Zusammenfassung zu dieser Praxisfortbildung könnte man auch als ein Plädoyer von Beppe bezeichnet werden. Nach seiner Vision ist der Erhalt der natürlichen Zähne das oberste Gut. Zahnärzte sollten demnach weniger um ein krankheitszentrierte Herangehensweise kümmern, als vielmehr um das Ziel der Gesunderhalten des Kausystems. Frei nach dem Motto: Die Augen können nur sehen, was der Kopf bereit zu realisieren ist, ist die ständige Selbstreflexion und Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten der Therapeuten von größter Bedeutung.

Die intensiven drei Tage waren eine Fortbildung auf höchstem Niveau mit sehr engagierten Teilnehmern in freundschaftlicher Atmosphäre. Die richtungsweisenden Behandlungskonzepte von Beppe sind eine Inspiration und ganz sicher haben alle Teilnehmen unzählige Impressionen und Ideen zur eigenen Weiterentwicklung gewonnen und habe sehr viel Motivation für die eigene Praxis mitgenommen.

Ein besonderer Dank geht an Sabrina und Beppe für die tolle Organisation, beiden Referenten für Ihre umfangreichen Ausführungen und darüber hinaus auch an Derk für seinen Beitrag zum Gelingen der Veranstaltung.