Parodontologie Essentials
Dr. Raphael Borchard
16.-17. Februar 2018

Bericht von Alexander Gerhart

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Beim ersten Teil einer 3-teiligen Kursserie „Parodontologie Essentials“ scharte Neue Gruppe Präsident Dr. Raphael Borchard 20 Teilnehmer mit verschiedenem chirurgischen Level von „blut-“jungen Frischlingen bis jahrzehnteübergreifende Kompetenz um sich, um sein parodontologisches Wissen zu vermitteln.
Ursprünglich in Aachen geplant, hat man sich doch für das schöne Münster und damit für den Heimvorteil entschieden. Zu Beginn der Veranstaltung in den Räumen seiner eindrucksvollen Privat-Praxis begrüßte uns Raphael und präsentierte ein Programm mit 3 Live-OPs, 3 Recall-Patienten und Hands-On-Übungen an ästhetisch sensiblen Schweinekiefern. Ein klares Statement für praxisorientierte Wissensvermittlung!

Beginnend mit einer kurzen Abfrage des Auditoriums hinsichtlich der chirurgischen Erfahrungen sowie den Erwartungen an den Kurs, erläuterte der Referent sein Praxiskonzept. Die initiale Diagnostik umfasst Anamnese, intraoralen und extraoralen Befund mit komplettem parodontalem Status, Röntgenbildern, Fotostatus, Situationsmodellen und in seltenen Fällen Mikrobiologie. Basierend auf den Ausgangsbefunden und in Absprache mit dem Patienten („meist hängt an jedem Zahn ein Patient“) erstellt Raphael ein Behandlungskonzept, dass sich grob in folgende Abschnitte gliedern lässt:

  1. Initialsitzung mit parodontaler Hygienisierung
  2. Reevaluation nach 6-8 Wochen mit der Fragestellung ob Heilung Ja/Nein und ggf. anschließende chirurgische Intervention bei ausbleibender bzw. unzufriedenstellender Heilung
  3. UPT

IMG_0309-KopieSind prothetisch-restaurative Maßnahmen geplant, werden die Zähne prächirurgisch einer Vorpräparation unterzogen und mit „Interims-ZE“ oder „Behandlungsrestauration“ (‚Provisorien’ gibt es nicht!) versorgt, welche Labor oder CAD-CAM-gefertigt eingegliedert werden. Dieses Vorgehen erlaubt es Raphael die Wertigkeit der Zähne vor Chirurgie zu beurteilen und parodontal einwandfreie Verhältnisse bis zur definitiven Restauration zu schaffen.
In Bezug auf Indikation für Zahnerhalt bricht er eine Lanze für fragwürdige Zähne und belegt seine Meinung in der Literatur, dass selbst Zähne mit Lockerungsgrad 2 nach 10 Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit (zu 80%) im Mund verbleiben. Die Chirurgie kann helfen parodontal gesunde Verhältnisse zu schaffen und hat bei der resektiven Therapie das Ziel einen hygienefähigen Zustand herzustellen. Das bedeutet, dass ab einer Taschensondierungstiefe (TST) von 5mm oder mehr, Furkationsgrad II oder intraossären Defekten, eine chirurgische Intervention indiziert sein kann.

oldNach der kurzen Theorie-Einführung ging es mit der ersten Live-OP los, bei der Raphael eine mikrochirurgische Rezessionsdeckung an 13 mit einem BGT, sowie einer Vestibulumplastik und FST an Implantaten 46,47 vorgenommen hat. Mit direkter Live-Übertragung via Mikroskop und Kommentaren über Head-Set konnte das Auditorium dem Blick des Operateurs ungehindert an der Leinwand verfolgen, während wichtige Tipps und Tricks verraten wurden. Begonnen wurde mit einer sulkulären Inzision an 13, sowie den benachbarten Zähnen 12 und 14. Nach unterminierend tunnelierender Präparation bot sich Platz für das Bindegewebstransplantat (BGT). Entnahmestelle für dieses war palatinal regio 16, mittels Präparation eines dünnen Spaltlappens und Darstellung des Bindegewebes. Ein wertvoller Hinweis war, das BGT nicht in direkter Verlängerung der Inzision zu entnehmen, sondern einen circa 1mm breiten, bindegewebigen Rand zu belassen, damit die primäre Wundadaptation besser gelingen kann. Das BGT wurde auf einem sterilisierten Holzspatel ausgedünnt und in das zu transplantierende Gebiet eingefädelt. Die Fixation erfolgte mit zwei 6-0er Nähten mesial und distal am Transplantat und einer Naht, die die Gingiva mit leichtem koronalen Zug um den Zahn 13 schlingt, während circa 1 mm des Bindegewebes supramarginal exponiert bleibt. Ziel der Rezessionsdeckung mittels BGT war, die Dehiszenz zu decken und gleichzeitig die Gingiva zu verdicken; anders als das FST an den Implantaten, welches nur dazu dient die keratinisierte Gingiva zu verbreitern. Der minimale Anteil keratinisierter Gingiva an Implantaten beträgt 3mm, was erforderlich macht ein circa 4mm breites FST zu vernähen (Überkompensation). Die Wundgebiete wurden mit Coe Pak Dressing abgedeckt.

IMG_0238-KopieGleich im Anschluss erlaubte die erste Recall-Patientin 25 Jahre alte prothetische Restaurationen zu bestaunen, die einwandfrei in harmonische parodontale Verhältnisse passen. Das Besondere bei den VMK-Kronen von Raphael ist der zirkuläre Federrand aus Gold, den viele Restaurationen im nicht sichtbaren Bereich erfahren. Das dünn auslaufende Gold ist ästhetisch bisher keinem Patienten negativ aufgefallen und verspricht die beste Randanpassung. Das hohe Maß an technischer Finesse bei der Präparation ist durch die Finitur mit dem blauen Winkelstück ohne Wasserkühlung (Assistenz sprüht abwechselnd Wasser, dann Luft) möglich, denn nur wer was sieht, kann so fein präparieren. Jahrzehntelange, einwandfreie Restaurationen sind Beweis für diesen Präparationsstandard.

Die zweite Live-OP war ein interner Sinuslift an 16 mit Implantatinsertion nach vorangegangener Extraktion aufgrund endondontischer Probleme. Als Knochenersatzmaterial kam Bio Oss Collagen zum Einsatz und gedeckt wurde das Operationsfeld mit einem Schwenklappen aus der Tuberregion. Die anschließende Diskussion beendete den ersten Kurstag, die beim gemeinsamen Abendessen fortgeführt wurde. Ein harter Kern diskutierte auch noch spät in die Nacht in den Bars von Münster.

Am nächsten Tag ging unser Neue Gruppe Präsident auf sein gängiges Instrumentarium ein, angefangen von seinen Lieblingsskalpellklingen 15C und 12d, mikrochirurgische Pinzette und rundem Nadelhalter, sowie monofile Polyamid Nähte 6-0 bis 7-0. Die 3. Live-OP war eine chirurgische Kronenverlängerung von 12-22 mit FSTs in allen 4 Quadranten zur Verbreiterung der keratinisierten Gingiva an den vorhandenen Implantaten.

IMG_0302-KopieWenn man persönlich nach den Live-OPs der Meinung war, man könne alles (es sah doch so einfach aus), folgte die Ernüchterung im Anschluss als Hands-On-Übung am Schweinekiefer, bei der mancher auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde. Programm war unter anderem ein apikaler Verschiebelappen mit FST, BGT zur Kammverbreiterung, Laurell-Naht und fortlaufende Naht. Die ästhetischen Ansprüche der Schweine waren (leider) häufig zu hoch, doch die Operateure blieben fast immer gelassen und ließen sich Komplikationen nicht anmerken.

Am Ende präsentierte der Referent eine einfache Methode der Versorgung einer MAV und zum Kammerhalt, nämlich mit einer nicht-resorbierbaren Membran, die nach circa 30 Tagen entfernt wird und somit eine beliebte Examensfrage zur Deckung der MAV mittels Rehrmann-Plastik, obsolet macht.

Als Fazit kann man sagen, dass der Einstieg der 3-teiligen Kursserie die Messlatte für die folgenden Veranstaltungen mehr als hoch gesetzt hat. Großartige Präsentation und lockere Atmosphäre haben für lehrreiche Stimmung gesorgt, was Lust gemacht hat, die gesehenen Praktiken gleich am Montag in praxi umzusetzen. Vielen lieben Dank an Raphael und sein Praxis-Team für eine großartige Fortbildung. Ich persönlich freue mich jetzt schon auf Teil 2!