Frühjahrstagung der Neuen Gruppe 2019

Bericht von Theresa Begemann

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Die diesjährige Frühjahrstagung fand im wunderschönen Hotel Severins auf Sylt statt. Nach der Mitgliederversammlung und dem Youngster-Treffen am Donnerstag traf man sich in der Strandoase zwischen den Sylter Dünen in gemütlicher Atmosphäre. Das Wetter zeigte sich zwar nicht von seiner besten Seite, erlaubte es uns dafür, am Strand Drachen steigen zu lassen.

Nach morgendlicher Begrüßung durch den Präsidenten Raphael Borchard eröffnete Prof. Dr. Bettina Dannewitz den Kongress über die nichtchirurgische Parodontitistherapie. Wie schon seit langer Zeit ist die Instrumentierung der Tasche mit klassischen Handinstrumenten (Küretten) Goldstandard und erlauben eine subgingivale Konkremententfernung und Wurzelglättung. Als interessantes Fallbeispiel zeigte sie einen Patienten mit extremer Gingivahyperplasie aufgrund von Ciclosporineinnahme nach Nierentransplantation. Dieses primär nicht plaquebedingte klinische Bild kann auch bei Morbus Crohn, Leukämien, HIV und Sarkoidose auftreten. Histologisch in in der extrazellulären Matrix der Lamina propria vermehrt Kollagen Typ I vorzufinden. Als zahnärztliches Behandlungskonzept gilt die Full-Mouth-Disinfection (FMD), um innerhalb von 24h eine hohe Reduktion von Mikroorganismen unter adjuvanter Chlorhexidin-Gabe zu erreichen. Neuere Studien auf dem Gebiet der nichtchirurgischen Parodontitistherapie konnten der 0,2% CHX-Gabe keiner klinischen Relevanz zuschreiben. So sind eher potentiell negative Folgen zu beobachten, da allergische und anaphylaktische Reaktionen hervorgerufen werden können. Auch CHX Kreuzreaktionen mit Antibiotika-Gabe sind beschrieben worden. Eine adjuvante systemische Antibiotikagabe (Metronidazol und Amoxicillin) ist von der klinischen Situation und dem Alter abhängig zu entscheiden.

sylt-4Als zweiter Referent präsentierte Dr. Paul Schuh mit dem Thema „Think pink“ drei spannende Fälle mit beeinträchtigter Ästhetik in der Front. Die erste Patientin wies nach erfolgter kieferorthopädischer Behandlung eine Rezession am Zahn 41 auf. Mittels Tunneltechnik konnte dieser Defekt gedeckt und langfristig gehalten werden. Im Video konnte der chirurgische Verlauf von der intrasulkulären Schnittführung und der Entnahme des Bindegewebstransplantates bis hin zum Einbringen in den Tunnel und Fixierung genau nachvollzogen werden.

Der zweite Fall zeigte eine Patientin mit vorangegangener Wurzelkanalbehandlung am Zahn 11 und einer Längsfraktur, die die Extraktion erforderlich machte. Die hohe Lachlinie betont die Komplexität des Falles. Man entschied sich dazu, ein Sofortimplantat zu setzen und ein Bindegewebstransplantat über eine Spaltlappenpräparation einzubringen. Aufgrund der Primärstabiljtät (30 Ncm) konnte die Patientin abends mit einem Provisorium nach Hause gehen. Wichtig ist, ein Implantat von eher schmalen Durchmesser (3,5mm) zu wählen und dieses weit palatinal zu setzen, um möglichst viel Gewebe bukkal zu haben.

sylt-2Im dritten Fall wurde ein mehrfach wurzelkanalbehandelter Zahn 21 extrahiert, bei dem auf dem DVT bereits keine bukkale Lamelle mehr sichtbar war. Auch hier wurde ein Sofortimplantat gesetzt und ein Bindegewebstransplantat aus dem Tuberbereich (sehr kollagenreich und langzeitstabil) entnommen. Dieser Weichgewebsaufbau fungiert als erstes Layer vestibulär. Zum Aufbau des Hartgewebes verwendete er eine stabile Barrieremembran unter dem Periost als zweites Layer und füllte die übrige Extraktionsalveole mit bovinem Knochenersatzmaterial auf (Multi-Layer Technique).

Dr. Sebastian Becher referierte über die Bruchereignisse bei Implantaten nach Implantoplastik mit vollständigem Gewindeabtrag. Zur Therapie der Periimplantitis stehen konservative als auch chirurgische Verfahren zur Verfügung. Die Implantoplastik hat durch den Abtrag freiliegender Gewinde die Dekontamination der Oberfläche zum Ziel sowie die Reduktion der Mikro- und Makrorauigkeiten. Nach einem Maschinierungsprotokoll nach Chan (Diamantbohrer, Arkansas, Brownie, Greenie) wurde die Implantatoberfläche in einem in vitro Versuch so lange bearbeitet, bis alle Gewindegänge entfernt sind und eine möglichst glatte Oberfläche vorliegt. Dies führt zur Entfernung des Biofilms, aber auch zur Reduktion des Implantatdurchmessers um ca. 20%. Verschiedene Abscherversuche mit diversen Implantatdurchmessern und unterschiedlich stark in Kunststoff „verknöcherten“ Implantaten wurden bis zum Bruchereignis durchgeführt und die Rauigkeit der Oberflächen gemessen. Diese betrug etwa 0,9 Ra/μm, jedoch belegen andere Studien einen notwendigen Wert von unter 0,2 Ra/μm, um eine Besiedlung von Bakterien zu verhindern. Die statistische Auswertung hat gezeigt, dass durch eine Implantoplastik die Bruchfestigkeit dentaler Implantate signifikant erhöht wird, sodass Dr. Becher selbst nur bei Implantaten mit hoffnungsloser Prognose eine Implantoplastik empfiehlt und durchführt. Da relativ hohe Risiken und selten ein klinischer Benefit entsteht, rät er dazu, zunächst die freiliegenden Gewinde mit Ultraschall zu reinigen, anschließend mit Glycin, dann für 3 Minuten mit 3% H2O2 und zum Schluss mit NaCl zu säubern.

sylt-3Im vierten Vortrag beschäftigte sich Dr. Jochen Tunkel mit dem Thema allogener Knochenplatten und ob diese eine Alternative zu autologen Knochenblöcken sind. Zunächst erläutert er prägnant Knochenaufbaumöglichkeiten mit resorbierbareren oder nichtresorbierbaren Membranen, nachdem auf die freiliegenden Implantatoberfläche autologer Knochen aufgetragen wurde. Mit Goretex Membranen könnten langfristig sehr gute Ergebnisse erzielt werden, jedoch mit einer Komplikationsrate von bis zu 45%. Die von Prof. Khoury beschriebene Schalentechnik mit retromolarer Knochenblockentnahme bietet einen immensen Gewinn an Knochenhöhe mit relativ geringer Resorption und gilt durch die Verwendung von Eigenknochen mit osteoinduktiver Potenz als Goldstandard. Sie ermöglicht eine deutliche Senkung der Knochenresorption zwischen Augmentation und Implantation gegenüber Vollblocktransplantaten (Resorption von ca. 25%).

Die von Dr. Tunkel angewandte Relining-Schicht wird bei der Implantatfreilegung appliziert, indem eine Überaugmentation von bovinem Knochen mit einer resorbierbareren Membran durchgeführt wird und bietet einen deutlichen Knochenzugewinn (bis zu 17%) zwischen Implantation und Freilegung. Jedoch stellt die Entnahme von autologen Knochenblöcken in einigen Fällen Risiken in Bezug auf Nervschädigung oder Gefahr der Unterkieferfraktur dar und geht mit einer Erhöhung der Patientenbelastung einher. Allogene Knochenmaterialien können entweder von einem Leben- oder Leichenspender stammen und weisen in Bezug auf Makroporosität, Mikroporosität und Nanostruktur gute Ähnlichkeit auf. Wird der Raum zwischen den befestigten allogenen Platten mit autologer Knochenspäne aufgefüllt, kann mittels dieser minimalinvasiveren Methode ein vergleichbares Resultat erzielt werden. Die beschriebenen Fälle demonstrieren, dass die Schalentechnik unter Verwendung allogener Knochenplatten vergleichbare klinische Ergebnisse schaffen und in einer Nachuntersuchung lediglich eine minimal schlechtere Integration im Vergleich zu autologen Platten aufweisen.

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Die Lichteinstellungen und Lichtquellen können das finale Bild maßgebend beeinflussen, sodass vor allem im Vorher-nacher-Vergleich standardisierte und reproduzierbare Bedingungen essentiell sind. Auch Ausstattung und Größe eines Fotoraumes wurden mit dem Publikum diskutiert.

In Zukunft werden intraorale Fotos wahrscheinlich durch intraorale Scans komplett ersetzt, sodass lediglich die Aufnahme eines Portraitbildes zur Dokumentation notwendig sein wird.

Im Anschluss diskutierte Manuel Limberger das Auftreten der NEUEN GRUPPE in den sozialen Medien. Da diese bis dato dort noch nicht stark vertreten war, investierte er viel Zeit und konnte über einen facebook-Auftritt viele Leute mit den anstehenden Veranstaltungen der NEUEN GRUPPE erreichen. Die zusätzliche Investition von gerade einmal 30€ machte schon Werbung möglich, sodass durch einen Filter (z.B. zahnmedizinisches Interesse) eine spezielle Zielgruppe ausgewählt und denen u.a. die Jahrestagung angezeigt werden konnte. Er zeigt, dass dies im Vergleich zu Werbung in Magazinen eine deutlich kostengünstigere und effektivere Möglichkeit ist, Aufmerksamkeit zu erlangen und potenziell mehr Anmeldungen bei den folgenden Veranstaltungen und Seminaren zu bekommen. Zusätzlich zum Werbung schalten zeigt er auf, dass die Mund-zu-Mund-Propaganda und das „Teilen“ und „Kommentieren“ von Beiträgen sowie das gezielte „Einladen“ über facebook der Mitglieder von Kollegen einen großen Stellenwert hat.

Dr. Matthias Müller referierte über den aktuellen Stand und die Zukunft des digitalen Workflow. Er zeigte uns eigene Patientenarbeiten, die per intraoralen Scan abgeformt und anschließend gefräst wurden. Aktuelle Studien belegen, dass Scans verglichen mit einem konventionellen Abdruck nahezu das selbe Niveau haben. Neu ist die Einführung von Bewegungsdaten (XML-Dateien) und dass diese Bewegungsdaten bei der Rekonstruktion mit berücksichtigt werden. Innovativ ist die Herstellung von Implantatkronen mit diesem Verfahren. Zuletzt stellte Dr. Müller noch die App „Dental Monitoring“ vor. Diese Software gibt dem Patienten eine sofortige Ersteinschätzung über die Stellung der Zähne während kieferorthopädischer Behandlung, aber auch Vorkontakte, Plaque und der Zustand der Gingiva können damit mit beurteilt werden. Die App vergleicht mit früheren Daten den aktuellen Status und so können mittels künstlicher Intelligenz unnötige Kontrolluntersuchungen in der Praxis vermieden werden.

Zum Schluss gab uns Dr. Gerhard Müller einen Blick über den zahnmedizinische Tellerrand hinaus und präsentierte uns Gedanken über „Kunst als Passion – Warum Sammler Sammeln“. Es geht um eine Sammlung von Dingen, die das Dasein verschönern sollen und gleichzeitig ein ultimatives Luxusprodukt verkörpern, da diese Dinge per se überflüssig sind und trotzdem gesammelt werden. Er legte uns den Besuch der Ausstellung von August Macke und der rheinischen Expressionisten nahe.

Nach kurzer Pause kamen wir abends wieder im Hotel Severins zum Festabend zusammen und ließen den informativen Tag mit gutem Essen und anschließend auf der Tanzfläche ausklingen.