Endodontie ist Teamarbeit

Bericht von Dr. Agnes-Sophia Stühmer

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Fragt man Zahnmedizinische Fachangestellte, welches Wort sie mit einer Wurzelkanalbehandlung verbinden, entgegnet wohl der Großteil von ihnen: „uninteressant“ oder gar „langweilig“! Denn ab und zu darf die Assistenz zwar die Natriumhypochlorid-Lösung aufziehen und diese auch wieder absaugen, aber ansonsten macht doch die Mehrheit von Zahnärzten die Wurzelkanalbehandlung weitgehend komplett selbstständig. Denn Kofferdam vorbereiten, Instrumente vom Tray nehmen, Hand- und maschinelle Feilen auf entsprechende Arbeitslänge einstellen, etc. sind nun mal Aufgaben des Zahnarztes. Oder etwa nicht?

 

An dem zweitägigen Kurs in Berlin zum Thema „Endodontie ist Teamarbeit“ sollten die Teilnehmer eines Besseren belehrt werden. Die Spezialisten Dr. Jörg Schröder, Dr. Sebastian Riedel und Mario Müller MSc. zeigten mit ihren Teams eindrucksvoll, wie die Behandlung am Dentalmikroskop ablaufen kann und dass die Assistenz dabei eine wichtige Rolle spielt. Dementsprechend durften die Kollegen der Neuen Gruppe zusammen mit ihren eigenen Helfern/-innen teilnehmen, um reibungslose Behandlungsabläufe am Mikroskop unter Anleitung zu üben und effizienter zu gestalten.

endo3Der erste Tag startete in den Räumlichkeiten der Health AG, einem Abrechnungsdienstleister in Berlin Charlottenburg, mit einem theoretischen Einstieg in die Materie. Dr. Jörg Schröder erklärte im Rahmen einer Präsentation, wie der endodontologische Arbeitsplatz rund um das Dentalmikroskop strukturiert bzw. aufgebaut ist und wie die korrekte ergonomische Positionierung des Behandlers und der Assistenz rund um den Patientenstuhl eingenommen wird. Anhand verschiedener, von den Referenten im Vorfeld selbst produzierter Videos wurde das Arbeiten in „Vier-Hand- bzw. Sechs-Hand-Technik“, sprich mit einer oder zwei Assistenzen demonstriert. Dabei erfolgte die Übergabe endodontischer Handinstrumente durch entsprechende Handzeichen regelrecht „blind“ und die Aufmerksamkeit des Behandlers wich zu keiner Zeit vom Arbeitsfeld ab. Unterschiede zwischen der Behandlung im Ober- und Unterkiefer wurden ebenfalls erläutert.

Nach einer kurzen Kaffeepause und hervorragendem Catering ging es dann an den praktischen Arbeitsteil. Im Team wurde von den Referenten nun Schritt für Schritt die „blinde“ Übergabe verschiedener Instrumente gezeigt und von den Teilnehmern anschließend wiederholt.

Es begann mit dem Handspiegel, der Endosonde, dem Microopeners und der Spülkanüle. Die Herausforderung für die Assistenz lag hierbei in der jeweils richtigen Positionierung des Instruments in der Hand des Behandlers. Sowohl die richtige Angulation bei der Positionierung als auch die korrekte Abnahme des Instruments galt es zu beherrschen und je nach Behandlung eines Ober- oder Unterkieferzahnes zu variieren. Der Behandler sollte wiederum klare Handzeichen bzw. -bewegungen zur Aufnahme und Abgabe der Instrumente geben, damit die Assistenz entsprechend reagieren konnte. Um den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen, musste der Behandler zum Üben eine Augenklappe aufsetzen.

Es folgten die Demonstrationen für die Übergabe der endometrischen Längenbestimmung und der -für die warmvertikale Obturation notwendigen- Plugger. Auch die Übergabe von Handfeilen mittels eines Endoringes konnte eindrucksvoll beobachtet werden. Den Assistenten kam hierbei eine große Verantwortung zu, da sie die Handfeilen im Vorfeld auf eine entsprechende Arbeitslänge einstellen durften, die vom Behandler nicht mehr kontrolliert wurde. Der Austausch von Papierspitzen und von rotierenden/maschinellen Feilen erfolgte ebenfalls erst, nachdem die Helferin/der Helfer die korrekte Länge markiert und die Papierspitze in eine Pinzette bzw. die Feile in den Endomotor eingespannt hatte. Bei allen Übungen durfte der Behandler lediglich fühlen. Er sollte geschult werden, klare Ansagen über die Feilenart und die Arbeitslänge zu machen, die es von der Assistenz vor der Übergabe noch einmal zu wiederholen galt.

endo2Der erste spannende und lehrreiche Tag neigte sich schließlich dem Ende zu und es ging für alle Teilnehmer und Referententeams zum „Non Solo Vini“: ein familiengeführter, italienischer Feinkostladen und Restaurant, der uns mehr als herzlich empfing. Bei köstlichem Wein und einem hervorragenden Viergänge-Menü klang der Abend bei bester Stimmung aus.

Am zweiten Tag fanden sich die Teilnehmer nun in den eigenen Praxisräumen der Referenten in Berlin-Charlottenburg ein und hatten so die Gelegenheit, einmal hinter die Kulissen einer endodontischen Spezialisten-Praxis zu blicken. Nach einer Praxisführung konnte jedes Referententeam seinen Workflow im eigenen Behandlungszimmer demonstrieren. Anschließend durften die Teilnehmergruppen das Dentalmikroskop selbst benutzen: An drei Echtzahnmodellen – im Phantomkopf eingespannt – sollten die vom Vortag antrainierten Handgriffe umgesetzt und verfeinert werden. Nachdem der Behandler, die Assistenz und der Patient richtig positioniert waren, ging es unter Anleitung an eine vollständige endodontische Behandlung eines Oberkieferzahnes: von der Trepanation unter Kofferdam bis hin zur Aufbereitung und Obturation des Zahnes.

Nach einer kulinarischen Stärkung mit leckerer Pasta und gutem Espresso im „Non solo Vini“, wurde nach der Mittagspause die Behandlung an einem Unterkiefer-Echtzahn fortgesetzt. Neben der außerordentlichen Betreuung am Mikroskop nahmen sich Dr. Jörg Schröder, Dr. Sebastian Riedel, Mario Müller MSc. und ihre Assistentinnen sehr viel Zeit, um alle restlichen Fragen zum Thema Endodontie individuell zu klären. Ob es um Abrechnungsfragen, die Sterilisierung-/Aufbereitungskette der Instrumente oder zum Beispiel Tipps zur Revision eines Metallstiftes ging: das Team um Dr. Jörg Schröder hatte immer eine kompetente Antwort parat und scheute sich nicht, offene Einblicke in die Praxisstrukturen zu gewähren. Als i-Tüpfelchen folgte noch eine spontane Live-Demonstration des neuen, innovativen und noch nicht weit verbreiteten Er:YAG Lasers, der zur Aktivierung der Spülflüssigkeit angewendet werden kann.

Nach einem zweiten interessanten Tag neigte sich ein tolles Wochenende dem Ende zu. Es wurde eindrucksvoll demonstriert, dass der Blick und die Aufmerksamkeit des Behandlers nicht immer wieder vom Dentalmikroskop bzw. dem Arbeitsfeld abgewendet werden muss, um Tätigkeiten auszuführen oder zu kontrollieren, die problemlos von der endodontischen Assistenz geleistet werden können. Dadurch wird der Behandlungsablauf harmonischer und effizienter und die Motivation von Behandler und Assistenz wird maßgeblich gesteigert.

Vielen Dank an den Organisator und die Referenten für diese eindrucksvolle Teamfortbildung und den intensiven kollegialen Austausch!