Weiße Ästhetik – Patientenwunsch, Behandlungsverfahren, Paradigmenwechsel

Bericht von Jana Jopp-Saile und Malte Lorenz

TAGUNGSBERICHT FREITAG

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Die Jahrestagung der NEUEN GRUPPE fand 2018 unter dem Titel „Weiße Ästhetik – Patientenwunsch, Behandlungsverfahren, Paradigmenwechsel“ im Berliner Hotel Adlon statt. Nachdem am Donnerstag bereits spannende Vorkongresse stattfanden, eröffnete NEUE GRUPPE-Präsident Dr. Raphael Borchard am Freitag die 52. Jahrestagung.

07Mit dem Vortrag von PD Dr. Alexander Welk aus Greifswald zum Thema „Ästhetik 2018: Non- und mikro-invasive Zahnfarbenkorrekturen als Alternative zu restaurativen Maßnahmen“ startete das hochkarätige Programm. Er erläuterte den Begriff Ästhetik als Schnittmenge zwischen einer wandelbaren, zeitabhängigen Wahrnehmung von Schönheit und der auf Gesetzmäßigkeiten beruhenden Lehre von Symmetrie und Harmonie.
Zahnverfärbungen als Folge endogener und exogener Einflüsse können die Zahnästhetik enorm beeinflussen. Um eine Verbesserung der dentalen Ästhetik ohne restaurative Maßnahmen zu erreichen, stehen verschiedene von PD Dr. Welk vorgestellte Möglichkeiten der Zahnfarbenkorrektur zur Verfügung. Diese reichen von non-invasiven, wie Zahnreinigung und -politur, bis zu mikro-invasiven Verfahren, wie Mikroabrasion oder Infiltration. Ein starkes Plädoyer zum in-office Bleaching mit 10% Carbamidperoxid lieferte PD Dr. Welk mit konkreten Fallbeispielen.
Mit der Infiltration von White Spots mit dünnfließendem transluzenten Komposit stellte der Greifswalder ein weiteres Verfahren zur mikro-invasiven Zahnfarbkorrektur vor. Hierbei werden Schmelzstörungen durch Porenauffüllung egalisiert. In der Kombination mit Mikroabrasion können so auch deutliche Farbunterschiede behoben werden.

Mit „Adhäsion 2018: Oberflächenbearbeitung, Materialien, Fehlervermeidung“, vorgestellt durch Dr. Uwe Blunck, ging der Kongress in die zweite Runde. Der Berliner Experte für Adhäsivtechnik lieferte ein umfangreiches Update zur Anwendbarkeit von unterschiedlichen Adhäsivsystemen. Da diese eine raue Substratoberfläche mit guter Benetzbarkeit benötigen, ging Dr. Blunck detailliert auf die optimale Vorbereitung der Substrate ein. Besonderes Augenmerk legte er auf die vergleichsweise jungen Universaladhäsive, die er etablierten Adhäsiven gegenüberstellte. Zudem lieferte er detaillierte Anwendungshinweise zu den verschiedenen Adhäsiven. Wichtige Take-Home-Message: keine Phosphorsäure-Applikation bei Anwendung von Universalprimern und – adhäsiven an Metall oder Oxid-Keramik!

NEUE GRUPPE-Mitglied Ulf Krueger-Janson aus Frankfurt/Main zeigte in seinem Vortag „KOMPOSIT @ IT’S BEST – konstruktive Impulse für die Frontzahnästhetik“ nicht nur die optimierten Material- und Farbeigenschaften moderner Komposite, sondern anhand von Behandlungsbeispielen auch sein herausragendes Können im Umgang mit den Werkstoffen. So stellte er klar, dass durch intensive Analyse der Farbeigenschaften überlagernder Zahnschichten eine naturgetreue Nachbildung durch ausgewählte Materialien möglich sei. Die Wahrnehmung der Zahnfarbe sei dabei aufgeteilt in Opaleszenz und Transluzenz. Die Opaleszenz stelle sich im Auflicht bläulich/weißlich und im Durchlicht „sonnig“ dar, während die Transluzenz durch Grauwerte bestimmt sei und durch den Fülleranteil des Komposits beeinflusst sei. Beim Publikum hinterließ Krüger-Janson große Begeisterung für seine detailverliebten Arbeiten, die er Schritt-für-Schritt zeigte und erklärte.

Weiter ging es mit Dr. Dieter Reusch aus Westerburg, Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische Zahnmedizin e.V. (DGÄZ). Er erläuterte unter der Überschrift „Okklusale Rehabilitation – minimalinvasiv, funktionell, ästhetisch – auch bei bruxierenden Patienten?“ wie Patienten mit generalisierten Abrasionen und Verlust der Vertikal-Dimension der Okklusion minimalinvasiv mit adhäsiv befestigten monolithischen Lithium-Disilikat-Keramiken rehabilitiert werden können. Anhand von Patientenbeispielen zeigte er, wie er die komplexe Therapie nach dem „Pizza-Modell“ in kleine, überschaubare Behandlungseinheiten systematisch unterteilt und so replizierbare Ergebnisse erreicht. Oberstes Ziel ist für den renommierten Experten Dr. Reusch dabei, Nachbesserungen an der Versorgung unnötig zu machen.

03Den ersten Kongresstag schloss Prof. Dr. Wael Att aus Boston/USA mit seinem Überblick „Weiße Ästhetik in der dento-fazialen Rehabilitation: aktueller Workflow an Zähnen und Implantaten“. Der junge Professor stellte die drei Komponenten der digitalen Zahnmedizin (Datenaquise – Planung – Fabrikation) und die derzeitigen Möglichkeiten der Umsetzung vor. So ist durch die Fusion digitaler Daten aus Intraoralscan, DVT und Foto/Video eine Behandlungsplanung am PC durchführbar. Limitiert ist der digitale Workflow derzeit noch bei zahnlosen Kiefern durch fehlende Referenzen und Intraoralscannern, die Implantate erfassen können. Einen Ausblick auf die nahe Zukunft gab Prof. Dr. Att mit der Vorführung eines 3D-Gesichtsscanners als iPhone-App, dessen Genauigkeit noch durch Studien zu untersuchen ist. Für die weitere Zukunft prognostizierte er den Einsatz von künstlicher Intelligenz und Deep Machine Learning in der dento-fazialen Rehabilitation. (ML)

TAGUNGSBERICHT SAMSTAG

Am Samstagmorgen versammelten sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen in Vorfreude auf den erstklassigen Referenten Dr. Mauro Fradeani zum zweiten Teil des Hauptkongresses im Hotel Adlon. Der heutige Tag stand unter dem spannenden Thema der minimalinvasiven prothetischen Rehabilitation (MIPP) von komplexen Fällen mit festsitzendem, vollkeramischen Zahnersatz.

08Zunächst zeigte Fradeani die essentiellen Schritte auf, welche für ein zufriedenstellendes, funktionelles und ästhetisches Langzeitergebnis benötigt werden. Schlüssel des Erfolgs sei die Bedürfnisse der Patienten zu verstehen und diese mit Hilfe eines strukturierten und umfassenden Behandlungsplans umzusetzen. Wichtig sei die Analyse der fazialen, dentolabialen, phonetischen, dentalen und gingivalen Parameter. Aus der ästhetischen und funktionellen Analyse leitet Fradeani die Systematik der prothetischen Behandlung ab. Dank der digitalen Technologie sei es möglich viele Planungsschritte zusammenzufassen, den Erfolg des Behandlungsergebnisses besser vorherzusagen und eine Visualisierung der endgültigen Arbeit vorab durchzuführen. Für diese Zwecke entwickelte Fradeani eine spezielle App Namens GETApp (Guided Esthetic Treatment Application).

Ein zweiter entscheidender Punkt sei ein abgestimmtes und eingespieltes Team. Sowohl der enge und präzise Daten- und Informationsaustausch mit dem Labor, wie auch eine schlüssig geplante Zusammenarbeit zwischen Chirurgie und prothetischer Versorgung seien maßgeblich für das ästhetische und funktionelle Ergebnis.

05In der prothetischen Behandlungsphase setzt Fradeani systematisch die ästhetische, biologische und funktionelle Integration seiner Planung um. Für diese Umsetzung entwickelte der Referent ein innovatives Protokoll, welches ein exzellentes klinisches Ergebnis mit einem minimalinvasiven prothetischen Vorgehen vereint. Die wichtigsten Schritte dieser zahnsubstanzschonenden Technik beinhalten das Anheben der vertikalen Dimension der Okklusion (VDO), die Reduktion der monolithischen Keramikstärke und die adhäsive Befestigung der Restauration im Zahnschmelz. Aufgrund der komplexen prothetischen Rehabilitation müsse häufig die VDO angehoben werden, um die Ästhetik und Funktion erfolgreich wieder herzustellen. Der neu gewonnene interokklusale Abstand ermögliche das minimalinvasive Beschleifen der Zähne im Zahnschmelz. Bei Veränderungen in der VDO sei es wichtig anhand eines Mock-Ups die Phonetik, die fazialen Proportionen und den interokklusalen Ruhezustanden zu analysieren.

Die Auswahl des restaurativen Materials bei komplexen, festsitzenden Rehabilitationen ist für Fradeani ebenso entscheidend wie die ästhetische und funktionelle Analyse. Der Referent konnte zeigen, dass trotz Reduktion der Keramikdicke bei Lithium-Disilikat weiterhin eine sehr hohe okklusale Belastbarkeit und ein geringes Frakturrisiko vorhanden ist. Vorausgesetzt, eine schmelzbasierte adhäsive Befestigung liegt zu Grunde. Werden diese Parameter beachtet, könne die monolithische Keramik im okklusalen Bereich auf 0,5 – 0,8 mm reduziert werden.

Der Schlüssel für ein optimales Langzeitergebnis liegt für Fradeani in der minimalinvasiven prothetischen Versorgung aus metallfreier Keramik, welche adhäsiv am Zahnschmelz befestigt wird. Unterstützt wurde der Vortrag von vielen seiner dokumentierten Langzeitergebnisse, welche mit diesem Konzept umgesetzt wurden.

Den Abschluss der Jahrestagung krönten die sensationellen Preise des Wettbewerbs „Schöne Zähne“. Der erste Preis, eine Fortbildungsreise in die USA mit Hotel, Mietwagen und Flug, ging an Dr. Marcus Simon aus Freiburg für die beeindruckende Rehabilitation eines stark erosiven und abradierten Gebisses.

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Rückblickend war die 52. Jahrestagung der Neuen Gruppe in Berlin fachlich von großem Mehrwert. Die gute Abstimmung der Referenten hat das spannende Thema weiße Ästhetik vielseitig und differenziert beleuchtet. (JJS)